Fighting Tuberculosis
Published in February 2007
in Romania




Kampf gegen TB in Rumänien. Prävention unter Sinti und Roma

Beim Arzt sagen sie: „Du bist dreckig! Du stinkst , komm’ mir nicht zu nahe. Komm’ morgen wieder!“

Bedingt durch die hohe Ansteckungsgefahr sind an Tuberkulose mehr Menschen gestorben als je an einer anderen Krankheit. Ein Patient allein kann mehr als 15 Menschen durch einfaches Husten anstecken. In Rumänien, einem Land mit einer zehnfach höheren Tuberkulose-Rate als der Durchschnitt der Europäischen Union, wurden über 27 Tausend Mitglieder der Sinti und Roma Gemeinschaft aufgeklärt, wie man Tuberkulose vorbeugt, ihre Symptome erkennt und wo man kostenlose Behandlung erhält. Dieses Präventionsprogramm ist eine der Maßnahmen, mit denen der Globale Fonds die rumänische Regierung im Kampf gegen die Ausweitung von Tuberkulose unterstützt.

Die Sinti und Roma sind eine ethnische Gruppe, die über die ganze Welt verteilt lebt und in Zentral- und Osteuropa besonders stark vertreten ist.

Die Sinti und Roma leben oft unter ärmlichen Bedingungen und haben einen begrenzten Zugang zum öffentlichen Gesundheitsdienst. „In vielen Gemeinden haben wir Frauen zu Gesundheitsmediatorinnen ausgebildet“, sagt Daniel Radulescu, Programmkoordinator der durchführenden NGO „RomaniCriss“. Viele Sinti und Roma reisen in Länder wie Italien, Spanien und Deutschland, um Arbeit zu finden und einen besseren Zugang zum öffentlichen Versorgungssystem zu erhalten. Inzwischen sind über 90 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe über Tuberkulose informiert und wissen, dass sie eine kostenlose Behandlung erhalten können

Warum ist die Sinti und Roma Gemeinschaft stärker gefährtet, an Tuberkulose zu erkranken als andere Bevölkerungsgruppen? Was wurde getan, um ihre Mitglieder vor der Erkrankung zu bewahren? Daniel Radulescu beantwortet diese und andere Fragen.




Interview mit Daniel Radulescu:

Listen to the Interview in English or German
(Windows Media - 1.8 MB)

Meine Name ist Daniel Radulescu. Ich bin der Koordinator des Programms für Gesundheitsmediatorinnen in Rumänien.

Warum konzentrieren Sie sich vor allem auf die Gruppe der Sinti und Roma?

Warum? In Rumänien gibt es viele Menschen der Sinti und Roma Gemeinschaft, die keinen gleichberechtigten Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem haben.

Offiziell leben in Rumänien ungefähr 575 Tausend Sinti und Roma, aber inoffiziell sind es circa 2,5 Millionen. In den Krankenhäusern kommt es zu einer starken Diskriminierung und Trennung der Sinti und Roma von anderen Bevölkerungsgruppen. Wir wollen diese, vom medizinischen Personal geschaffenen Barrieren abbauen. Das ist sehr kompliziert.

Wissen Sie, wenn Sie Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem haben wollen, benötigen sie einen Personalausweis und eine Versicherung. Vielen Sinti und Roma fehlt es an ausreichender Bildung , um überhaupt Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Es ist daher für Sie unmöglich, eine Krankenversicherung abzuschliessen. Sie leben in Wohnvierteln mit schwacher Sozialstruktur. Manche haben kein sauberes Wasser, keine Unterkunft. Sie leben unter einfachsten Bedingungen. Dies ist auch der Grund, warum Sinti und Roma beim Arztbesuch Sätze zu hören bekommen wie: „Du bist dreckig! Du stinkst, komm mir nicht zu nahe.“

Sie haben einige Lebensbedingungen genannt, die zu Krankheiten wie Tuberkulose führen...

Ja, ein Zusammenhang mit Tuberkulose besteht in der Tat. Es ist aber keine Krankheit, die nur Sinti und Roma betrifft. Ich möchte Sinti und Roma und Tuberkulose nicht gleichsetzen, da dies einer Stigmatisierung gleichkäme.

Wir möchten keine speziellen Projekte für Sinti und Roma zu Krankheiten wie Tuberkulose oder Aids anbieten. Das ist sehr wichtig für diese Bevölkerungsgruppe. Wir sagen ihnen, dass wir ein Projekt zur Prävention von Tuberkulose anbieten, nicht zu deren Behandlung.

Die Gesundheitsmediatorin ist keine Ärztin. Gesundheitsmediatoren sind Personen, die die Bevölkerung darüber aufklären, dass die Tuberkulose-Behandlung kostenlos ist und man im Krankheitsfall nicht zögern sollte, einen Arzt aufzusuchen: „Dies sind die Symtome, so kann das Problem gelöst werden, aber nur in direktem Kontakt mit einem Spezialisten.“

Kennen Sie einen Patienten, dessen Leben sich durch das Tuberkuloseprogramm verbessert oder verändert hat?

Im ersten Jahr haben ungefähr 35 Tausend Menschen von unserer Informationskampagne profitiert. 90% dieser Leute wissen jetzt, wie die Krankheit übertragen wird. Sie wissen, dass die Behandlung kostenlos ist und dass wir inzwischen ein gutes Verhältnis zu den Tuberkulose-Krankenhäusern aufgebaut haben. Wir arbeiten mit den Koordinatoren dieser Krankenhäuser zusammen .

Inzwischen hat sich in fünf Regionen Rumäniens das Verhältnis zwischen Patienten und Krankenhauspersonal normalisiert. Allerdings haben wir in Rumänien ganze 42 Regionen. Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, die Programme auch auf alle anderen Regionen auszuweiten.

Als die Gesundheitsmediatorinnen erstmals in die Sinti und Roma Gemeinden kamen, um über das Thema zu sprechen, stießen sie auf Ablehnung: „Bitte gehen Sie wieder - ich bin nicht interessiert, ich bin ja nicht krank!“

Doch nach der Informationsveranstaltung sagten alle: „Ja, das ist sehr interessant. Bitte erzählen sie uns mehr über diese Krankheit.“ Sie wissen jetzt, dass es nicht peinlich ist, über Tuberkulose zu reden. Inzwischen sind sie viel offener, kennen die Krankheit, deren Auswirkungen und Risiken.

Wir haben eine Gemeinde in Bukarest besucht und dort eine mit Tuberkulose infizierte Frau kennengelernt. Die Gesundheitsmediatorin hat ihr geholfen, zum Arzt zu gehen, um sich behandeln zu lassen und hat sie auch im weiteren Behandlungsverlauf beraten.

Wer sind die Gesundheitsmediatoren und wie viele wurden für das Tuberkulose-Projekt ausgebildet?

Wir haben bisher 55 von ihnen ausgebildet und eine weitere Gruppe ist gerade dabei. Alle Gesundheitsmediatoren in Rumänien sind Frauen, die ein gutes Verhältnis zu den Gesundheitsämtern und Ärzten pflegen. Es ist sehr wichtig für uns, dass wir Personen als Mediatoren ausbilden, die selbst aus der Gruppe der Sinti und Roma stammen.

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