Wo geschossen wird, bringt Malaria den Tod

Kinder sitzen unter einem neuen Insektizid-behandelten Netz, das sie über das Ghragana Health Centre im sudanesischen Bundesstaat Gedaref im Rahmen einer sechstägigen Kampagne zur massenweisen Verteilung von Netzen erhalten haben. Foto: © UNICEF
In einem Lager in Darfur bekommt ein Kleinkind Fieber. Allzu oft ist Malaria die Ursache, denn die Krankheit findet einen idealen Nährboden in dem Chaos, das bei Konflikten herrscht. Wenn Familien sofort Zugang zu Diagnose und Behandlung erhalten, wird das Kind wahrscheinlich keinen schweren Krankheitsverlauf entwickeln und erst recht nicht sterben. Der Zeitfaktor ist jedoch entscheidend. Die Überlebensraten sinken stark, wenn der Parasit länger als einige Tage unentdeckt bleibt und keine Behandlung erfolgt. Wo Gesundheitseinrichtungen zerstört wurden, Lieferketten für Medikamente unterbrochen sind und das Gesundheitspersonal allein von der Menge der Fälle überwältigt ist, sterben zu viele Kinder, weil sie aufgrund von Konflikten nicht rechtzeitig Zugang zu medizinischer Versorgung erhalten.
Mangelernährung, eine weitere Folge von Konflikten, trägt ebenfalls zur Zahl der Malariatoten bei. Schlecht ernährte Kinder überleben deutlich seltener.
Ob im Sudan, im Jemen, in Myanmar oder im Sahel – überall sehen wir dasselbe Muster. Wo geschossen wird, ist Malaria noch tödlicher. In manchen Fällen sterben mehr Menschen an der Krankheit als infolge der Kampfhandlungen. Angesichts eskalierender Konflikte in so vielen Teilen der Welt stellen wir einen deutlichen Anstieg der Malariakrankheits- und -todesfälle fest.
Die verheerendsten Folgen hat es in Afrika, wenn Konflikte und Malaria gleichzeitig auftreten. Rund 95 % der Todesfälle durch Malaria ereignen sich auf dem afrikanischen Kontinent. Im Sudan waren Millionen von Menschen zur Flucht gezwungen. Familien mussten Zuflucht in überfüllten Siedlungen suchen, oftmals in Regionen mit bereits hoher Malariaübertragung. Gesundheitseinrichtungen wurden beschädigt, geplündert oder aufgegeben. Lieferketten wurden unterbrochen. Überwachungssysteme – die Frühwarnmechanismen, durch die wir Ausbrüche feststellen und Gegenmaßnahmen ergreifen können – wurden geschwächt oder sind ganz verschwunden.
Zusammen mit Partnerorganisationen tun wir unser Möglichstes, um die Krankheit einzudämmen. In Zusammenarbeit mit dem sudanesischen Gesundheitsministerium (Federal Ministry of Health) und UNICEF haben wir 2025 eine Kampagne zur Verteilung von 15,6 Millionen Insektizid-behandelten Moskitonetzen gestartet, um rund 28 Millionen Menschen – etwa zwei Drittel der Bevölkerung – in den am stärksten betroffenen Gebieten zu schützen. Bis Ende des Jahres waren 12,7 Millionen Netze verteilt. Der Rest – größtenteils für Norddarfur und binnenvertriebene Communitys, die in Lagern leben – soll bis Mai 2026 ausgeliefert werden.
Es erfordert Entschlossenheit, Mut und Flexibilität, Familien inmitten eines Konflikts einen solchen Schutz zur Verfügung zu stellen. Das Gesundheitspersonal musste Konfliktlinien überschreiten. Die Netzverteilung wurde mit anderen Maßnahmen wie Impfungen und Ernährungshilfe kombiniert. Mobile Gesundheitseinheiten – d. h Kliniken auf Kleintransportern – bieten Menschen in Flüchtlingslagern und entlegenen Gebieten nun Tests und Behandlungen an. Kommunale Gesundheitshelfer*innen füllen die Lücken, die durch die Zerstörung offizieller Gesundheitssysteme hinterlassen wurden.
Der Sudan ist kein Einzelfall. In Myanmar führen zunehmende Konflikte zu einem Wiederanstieg der Malariafälle. In Äthiopien, Nigeria, Mosambik und der Demokratischen Republik Kongo nimmt Malaria in Regionen zu, in denen Überwachungs-, Präventions-, Diagnose- und Behandlungsmaßnahmen durch Konflikte blockiert werden.
In jedem dieser Fälle und in vielen anderen Konfliktregionen arbeiten wir mit überlasteten nationalen Malariaprogrammen und mutigen, engagierten Gesundheitshelfer*innen vor Ort zusammen, um zu verhindern, dass die Herausforderung durch Malaria in einer Katastrophe endet. Dieses Engagement rettet Leben und trägt zur Reduzierung der Malariaübertragungen bei, aber wir können nicht so tun, als würden wir gewinnen: In zu vielen Konfliktzonen sind die Malariakrankheits- und -todesfälle im Anstieg begriffen.
Am besten wäre es natürlich, die Kampfhandlungen zu beenden. Es ist unbestreitbar, dass Konflikte tödlichen Krankheiten wie Malaria Vorschub leisten und Bemühungen um Frieden daher noch größere Dringlichkeit erhalten sollten. Dennoch können wir nicht einfach abwarten und hoffen. Viele dieser Konflikte werden sich nicht schnell lösen lassen, weil die Grundursachen häufig tief verwurzelt und schwer zu beheben sind. Deshalb müssen wir handeln, um Malaria einzudämmen, auch während Konflikte wüten. Es geht nicht allein darum, Leben zu retten, sondern es würde Spaltungen verschärfen, die Suche nach friedlichen Lösungen untergraben und den Wiederaufbau nach einem Konflikt gefährden, wenn Malaria sich ungehindert ausbreiten könnte.
Das Leben von Hunderttausenden von Kleinkindern und Schwangeren vor einer vermeidbaren, heilbaren Krankheit zu retten, die durch Konflikte verschlimmert wird, ist zwingend geboten. Daran dürften keine Zweifel bestehen. Wir wissen, was funktioniert. Wir haben das Instrumentarium. Wenn die Wirtschaftlichkeit von Gesundheitsmaßnahmen analysiert wird, nehmen Malariaprogramme fast immer einen der ersten Plätze ein. Trotzdem werden weltweit weniger Finanzmittel für die Malariabekämpfung bereitgestellt. Zu einer Zeit, in der Konflikte, Klimawadel und Vektor- und Parasitenresistenz diese uralte Krankheit noch tödlicher machen, werden die Gelder gekürzt.
Aus moralischer Sicht ist das schwer zu erklären oder zu rechtfertigen. Ebenso ist die Logik aus epidemiologischer oder wirtschaftlicher Perspektive schwer erkennbar. Bei Malaria ist es strategisch sinnvoll, ausreichend zu investieren, um den Übertragungsweg zu unterbrechen und die Krankheit auszurotten. Fünfundvierzig Länder waren dabei erfolgreich, viele von ihnen mit Unterstützung des Globalen Fonds. Seit Kurzem gehören Timor-Leste und Suriname dazu. Wenn es Ländern gelingt, Malaria auszurotten, sinkt ihr Bedarf an externen Finanzmitteln deutlich. Das Bildungsniveau und die Arbeitsproduktivität steigen sprunghaft an, und die Leistung des Gesundheitssystems verbessert sich, weil Kapazität freigesetzt wird.
Wenn wir jedoch zu wenig investieren – und das ist in vielen der am stärksten betroffenen Teile der Welt traurige Realität –, lassen wir nicht nur zu, dass heute zu viele Kinder sterben, sondern wir erzeugen ein viel größeres Problem für die Zukunft. Malaria kennt kein Erbarmen: Sie verschlimmert sich rasch, wenn sie nicht eingedämmt wird, und macht bei ihrer Ausbreitung kaum Halt vor Landesgrenzen. Letzten Endes steht intensive Malariaübertragung einer nachhaltigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung entgegen. Wenn wir also den ärmsten Gemeinschaften der Welt helfen wollen, der Armut zu entkommen und sich gut zu entwickeln, müssen wir Malaria besiegen. Lassen wir vorher zu, dass sie schlimmer wird, erhöht das nur die Kosten.
In Darfur und an zu vielen von Konflikten zerrissenen Orten hängt der Ausgang für ein Kind mit Malaria von wenigen Dingen ab, die – theoretisch – einfach sein könnten: ob Präventionsinstrumente vorhanden sind, ob rechtzeitig eine Diagnose gestellt werden kann und ob eine wirksame Behandlung leicht verfügbar ist.
Dies sind lösbare Probleme. Aber nur, wenn wir sie auch lösen wollen.
An diesem Weltmalariatag sollten wir uns die Herausforderung deutlich vor Augen führen. Konflikte verändern die Malariasituation – die Bekämpfung der Krankheit wird schwieriger, komplexer und dringender. Dies darf jedoch nicht über den Ausgang entscheiden.
Wir haben das Instrumentarium. Wir haben das Wissen. Jetzt müssen wir auch an den schwierigsten Orten der Welt entschlossen dafür sorgen, dass nicht weiterhin jede Minute ein Kind an einer vermeidbaren und behandelbaren Krankheit stirbt.
Denn ein Kind sollte nicht sterben, weil kein Netz, kein Test oder keine einfache Therapie zur Verfügung steht – ganz gleich, wo es lebt.
Dieser Gastbeitrag ist zuerst auf Forbes erschienen.